Der Blick, der mich schuf

Autobiografische Angaben zu Anatomie und Genese eines Begehrens

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Ich bin in La Paz, Bolivien geboren. Ich wog 1800 Gramm. Das ist normal, weil La Paz 3600 m über dem Meeresspiegel liegt.

Mein Großvater ist in Budapest geboren. Er ist 1940 oder 41 nach Bolivien gekommen. Wie das alles kam, habe ich nie gefragt. Ich hätte fragen können, habe es aber nicht. Meine Großmutter kam auch aus Ungarn. Und ich kann mich erinnern, dass es hieß, dass mein Großvater sie geheiratet habe, damit sie auch nach Südamerika kommen kann. Sie lebten in Punta del Este, Argentinien, einem Badeort, vier Stunden von Buenos Aires. Es gibt Fotografien von meinem Vater, wie er im Wasser planscht und eine Sandburg baut. Die Vorfahren meiner Mutter sind Deutsche und kommen aus Nürnberg. Die Familie hatte dort eine Honigabfüllfabrik. Da gab es große kühle Räume mit riesigen Behältern, in denen der Honig gerührt wurde. Einmal habe ich versucht, mit einem großen Rührstock mitzurühren. Da war ich noch nicht in der Schule. Als mein Großvater mich sah, hat er sich sehr erschrocken und mich angeschrieen. Ich habe mich dann tagelang vor ihm versteckt. Meine deutschen Großeltern hatten eine große Familie. Es gab vier Kinder. Meine Mutter ist das zweite Kind. Sie hat einen älteren Bruder und zwei kleine Schwestern. Mein Onkel hat später mit seinen Eltern gebrochen und hat mit ihnen nie wieder ein Wort gewechselt. Er lebte auch in Nürnberg und wechselte die Straßenseite, wenn sein Vater oder seine Mutter ihm entgegenkamen.

Meine Mutter durfte nicht Abitur machen. Sie war, nachdem sie die Schule beendet hatte, Au-pair-Mädchen in Paris. Ich weiß nicht, wie sie nach La Paz kam. Vielleicht besuchte sie jemanden. Dort traf sie auf einem Empfang meinen Vater. Nach sechs Jahren ist meine Mutter schwanger geworden. Das war vor 24 Jahren.

Meine erste Erinnerung: Wir wohnen in einem Hochhaus. Es ist Stromausfall. Alles ist dunkel. Ich sitze auf der Treppe. Ich bin zwei Jahre alt. Der Belgische Botschafter steckt im Aufzug fest, und nur sein Kopf ist noch zu sehen. Er hat Platzangst. Er tobt und schimpft und verflucht die Entdeckung Amerikas durch Columbus. Meine Mutter liegt auf dem Bauch und spricht beruhigende Worte durch den Spalt.

Später wohnten wir in einem Haus mit Garten. Meine Mutter mochte es, Bedienstete zu haben, die sie „Señora“ nannten. Mein Mutter sprach gut Spanisch. Sie hatte einen frischen und energischen Akzent. Sie liebte es, selbst im Garten Hand anzulegen, und ihre Backkünste waren sehr angesehen unter ihren Freunden.

Meine erster Freund hieß Alan und war drei.

Als ich vier war, zogen wir nach Costa Rica. Ich erinnere mich noch vage an unser Haus. Es war sehr weitläufig. Ich erinnere mich an den Schwimmunterricht. Ich hatte nur noch einen Schwimmflügel, und mein Schwimmlehrer streifte ihn mir ab und wollte mich ins Wasser werfen. Da gab es großes Geschrei.

In Costa Rica gab es dieses besondere Licht. Der Strand war weiß, und das Wasser war ganz klar. Es gab kleine weiße Stände mit Baldachin am Strand. Da standen Männer und verkauften Kokosnüsse. Ich kann mich daran erinnern, wie die Männer mit einem Nagel und einem Hammer Löcher in die Kokosnüsse machten. Ich kann mich erinnern, wie die Männer in die Kokosnüsse Strohhalme steckten. Ich kann mich daran erinnern, wie wir die Kokosmilch ausgetrunken haben. Der weiße Strand war so heiß, dass man ohne Schuhe auf ihm nicht laufen konnte.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich erste mal onaniert habe, weil das sehr früh war. Marlene, die Tochter der Haushälterin, hat es mir gezeigt. Sie zeigte mir, wie man die Scham am Tisch reibt, bis man kommt. Man blieb dabei angezogen und stimulierte sich nicht mit der Hand, sondern durch die Hose mit der Tischecke. Ich war damals drei. Marlene war vielleicht sieben. Das war und blieb lange Zeit meine Art zu onanieren. Erst als ich in Barcelona die Blicke des Schriftstellers auf mir spürte, veränderte sich da etwas.

Dann brach eine Art Unglück über unsere Familie herein, und wir fanden uns in Nürnberg wieder. Meine Mutter arbeitete in der Firma von ihrem Bruder, und mein Vater war arbeitslos. Alles war dunkel und sah aus wie geschrumpft. Ich konnte kein Deutsch, lernte es aber schnell. Ich lernte Deutsch aus einem Märchenbuch. Deshalb sprach ich so, wie die Erzähler in Märchenbüchern sprechen. Die deutsche Kindergärtnerin sagte zu meiner Mutter: Ihre Tochter hört sich wie ein deutsches Märchen an.

Wir leben in einer Hochhaussiedlung. Ich spiele mit einem blonden burschikosen Mädchen. Sie ist frech und ein paar Jahre älter als ich. Ich konnte damals noch nicht gut Deutsch. Wir sind in ihrem Kinderzimmer mit einem Doppelbett. Es ist so schmal wie ein Fahrstuhl. Das burschikose Mädchen zieht mir die Hose herunter und steckt mir einen Buntstift in den Anus. Ich verstehe nicht, warum sie das tut, will sie aber nicht verärgern. Ich will ihre Freundin sein. Ich weiß noch, dass ich fühlte, dass in Deutschland alles sehr merkwürdig ist.

Mein Vater sprach nie wirklich mit mir. Er fragte mich auch nie etwas. Er sagte immer nur Dinge wie Gib mir doch bitte die Schüssel herüber. Ich gab ihm die Schüssel herüber und sagte auch nichts weiter. Ich weiß eigentlich nichts über meinen Vater, nichts über seine Arbeit, nichts über sein Studium, nichts über seine Gedanken, nichts über seine Familie, nichts über seine Jugend. Warum haben sich die Dinge ereignet, wie sie sich ereignet haben? Warum ist die Familie meines Vaters nach Bolivien gegangen und unter welchen Umständen? Ich weiß das alles nicht. Ich vergesse immer, zu fragen. Ich nehme es mir vor, zu fragen, vergesse es dann aber wieder.

Ich war als Kind manchmal bei meinem Großvater. Der hatte eine Freundin, die hieß Hildegard. Sie war sehr nett zu mir und hatte verkrüppelte Finger. Wir sitzen am Tisch und mein Großvater tut ihr auf. Hildegard will nicht soviel aufgetan bekommen, aber mein Großvater tut ihr immer mehr auf. Hildegard isst alles auf, weint aber dabei. Mein Großvater sagt nichts dazu. Ich sage auch nichts dazu. Vielleicht hatte sie auch Schmerzen in den Händen.

Mein Vater hatte einen Freund, der in Oxford Philosophie studierte. Als ich fünf Jahre alt war, habe ich auf seiner Hochzeit als Brautjungfer Blumen gestreut. Die ganze Familie meiner Mutter ist jetzt tot. Meine Großmutter und mein Großvater waren immer schon geschieden. Für mich waren sie immer schon geschieden. Sie ließen sich scheiden, als meine Mutter vielleicht 15 war. Meine Großmutter hieß Erika Bialas und ist an Darmkrebs gestorben. Sie wollte nicht zum Arzt gehen, und sie ist auch nicht zum Arzt gegangen. Niemand hat sie dazu gezwungen. Sie hatte nach meinem Großvater nie mehr einen Mann. Mein Großvater war ein Lebemann und nahm gerne kleine bunte Pillen. Er trank und rauchte gern. Er ist an seinem dritten Herzanfall gestorben.

Ich bin in Niederhöchststadt bei Frankfurt am Main eingeschult worden. Ich hatte eine sehr nette ältere Lehrerin, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Sie wurde pensioniert und schickte mir Postkarten aus allen Teilen der Welt. Später, ab der dritten Klasse, bekamen wir Frau Datum, die war jung und streng.

2

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater, solange ich Kind war, über irgend etwas Ernsthaftes mit mir gesprochen hat. Vor ein paar Jahren, habe ich ihm das Kapital von Karl Marx in einer Miniaturausgabe gekauft und ihm geschenkt. Er konnte die ersten Zeilen auswendig. Das hat mich sehr erstaunt. Vor kurzen haben wir ein schönes Gespräch über Bienen geführt. Über den Bienenstaat. Wo findet Glück in einer Gesellschaft statt? Ist das eine Frage des Individuums, oder ist das eine Frage der Gemeinschaft? Ist die Gemeinschaft ein Körper? Was ist Diktatur? Was ist Demokratie?

Nichts. Ich kann mich an nichts erinnern. Nichts, was meinen Vater betrifft. Alles ist zu einem Matsch zusammengeschrumpft. Ich sehe nichts vor mir. Ich kann mich auch nicht an Träume erinnern. Alles liegt wie im Nebel. Mein Vater saß bestimmt damals bei Tisch und aß mit uns. Aber ich kann mich daran nicht erinnern. Ich kann mich an die Veranda erinnern, an die Küche, das Esszimmer, aber nicht an meinen Vater.

Es gab eine große Wiese. Gegenüber haben die Zwillinge Anne und Christine gewohnt und schräg gegenüber Sonja Eichler. Das waren meine Freunde. Dann war da noch Susanne, die war Arzttochter, die wohnte zwei Straßen weiter und gleich daneben Fritz. Fritz war hochbegabt. Wir haben alle zusammen einen Pferdeclub gegründet. Keiner von uns hat auf einem Pferd geritten. Aber wir haben Zügel an unsere Fahrräder gemacht und solange geübt, bis wir nicht mehr hinfielen.

Wir hatten ein Kinderzimmer mit einem Etagenbett und meine Schwester hatte noch ein eigenes Spielzimmer. Ich stritt mich viel mit meiner Schwester. Ich war acht und meine Schwester war vier und mein Vater sagte: Das ist das einzige Jahr, wo du genau doppelt so alt bist wie deine Schwester, könnt ihr euch nicht vertragen? Meine Schwester heißt Anna. Anna zog sich gern ungewöhnlich an. Sie hatte im Sommer ein Wollstrumpfhose an und eine Unterhose auf den Kopf.

Als ich in die fünfte Klasse kam, sind wir nach Barcelona umgezogen. Da war wieder dieses Licht, das scharfe Schatten warf und das Meer. In Barcelona ging man auf Demonstrationen und trug Blumen im Haar und weite bunte Hippiekleider. Ich sehe mich noch CARPE DIEM auf meine Schultasche schreiben. Wenn meine Mutter mir eine Markenjeans gekauft hatte, habe ich mir das Schild der Marke abgeschnitten. Damit konnte man nicht in die Schule gehen.

Ich war damals vielleicht zwölf. Bei den Mädchen ging es immer darum, wer neben wem in der Schule sitzt und wer bei wem übernachtet. Wenn man mit einer Freundin verabredet war, ging man zu ihr nach Hause oder sie kam zu dir und blieb über Nacht. Und ich war oft enttäuscht, wenn mich meine Freundin Tina nicht anrief, weil sie andere Freundinnen traf.

Man wurde von einem Schulbus abgeholt. Die Fahrt dauerte 40 Minuten. Jeden Morgen um sieben haben wir den Bus genommen. Wir waren zwanzig Minuten vor acht da und um acht fing der Unterricht an.

Tina war meine beste Freundin und hatte braune Augen. Hellbraune Augen mit dunkelbraunen Punkten drin. Bei Tina ging es immer darum, wie sie sich gerade fühlte.

Wir Mädchen haben damals viel über Träume gesprochen. Was hast du geträumt? Annabel brachte die Idee auf, dass man sich in der Nacht in den Träumen besuchen konnte. Und Annabel sagte, man muss im Traum nicht so erscheinen, wie man im richtigen Leben aussieht. Und wir saßen auf einer Wiese, und wir erzählten uns unsere Träume. Und wenn jemand von einer gelben Gießkanne geträumt hatte, ging es darum, herauszufinden, wer diese Gießkanne gewesen war. Ich konnte mich an meine Träume nicht erinnern, und ich erzählte Lügengeschichten. Wenn ich auf meine Freundin böse war, erzählte ich meinen Traum so, dass alle anderen Mädchen in ihm vorkamen, nur sie nicht.

Alle Mädchen hatten Poesiealben und Diarios (Tagebücher). Und man malte sich gegenseitig in die Diarios. Eigentlich interessierte ich mich nicht fürs Malen. Ich dachte lieber über Sterne und Frösche nach. Ich hatte einfach keine besondere Lust am Malen. Mein kleine Schwester Anna malte viel, und sie war stolz, wenn sie jemanden so malte, das man ihn wiedererkannte. Mein Vater sagte nicht viel zu den Bildern, so ein ausweichendes muy bien. Und meine Mutter fand die Bilder schön und hängte sie auf. Ich konnte mich in ihren Bildern immer gut wiedererkennen, und es enttäuschte mich, wenn meine Mutter sagte, dass man mich nicht erkennen würde.

Annabel war wie ich gemischter Herkunft, halb englischer und halb spanischer. Ich war immer ein wenig eifersüchtig auf sie, weil alle von ihr träumten. Und tatsächlich behauptete sie, dass es in ihrer Macht stehe, in den Träumen anderer zu erscheinen. Ich habe vor ein paar Jahren meine Mutter gebeten, mir die Bilder zu schicken, die mich und Annabel zeigen. Ich rief meine Mutter an und sagte: Kannst du mir die Bilder von mir und Annabel schicken? Ein paar Monate später fragte ich meine Mutter, ob sie sie schon abgeschickte habe. Sie hatte sie abgeschickt. Die Bilder von mir und Annabel sind aber nie in Berlin angekommen.

Es ist schwer, darüber zu sprechen. Denn meine Erinnerungen sind vage und ich sehe keine Bilder, wenn ich die Augen schließe. Es war vorgekommen, dass ich vor der Schule auf meine Freundin wartete und mich auf die Mauer setzte wie Annabel. Ich spürte ihre Augen, ihre Augenbrauen, ihre Nase, ihre Hände, ihre Füße, ihre Waden, ihre Schenkel, ihre Brust. Und ich entdeckte, dass ich, wenn ich Annabel war, mehr Blicke auf mich zog. Julia, die ein bisschen jünger war, erzählte mir, dass Humberto Briefe an mich schrieb, sie aber nicht abschickte. Humberto wohnte hinter dem Hügel (Colserola) auf der anderen Seite. Und ich stellte mir vor, wie Humberto hinter dem Hügel an mich dachte und mir Briefe schrieb.

Annabel erzählte, dass sie in den Träumen eines Jungen erschienen war.

Julia hatte immer damit angegeben, dass ein Onkel von ihr Schriftsteller sei und nach Barcelona käme. Annabel war der Meinung, dass er unsere Träume aufschreiben sollte. Nun war el escritor, der Schriftsteller, angekommen. Man erzählte, dass er jeden Tag am Strand in einem Korbstuhl saß und auf das Meer hinaussah. Man erzählte, dass er manchmal schreckliche Kopfschmerzen habe.

In Barcelona gab es viele Strände. Es gab den Strand, an dem man mit Freunden hinging. Eine Freundin wohnte in Castelldefels oben auf dem Berg, und dann fuhr man runter zum Strand. Es gab den großen touristischen Strand, und es gab den Strand, wo man mit dem Auto und den Eltern hingefahren ist. Als wir in den 90er Jahren nach Barcelona kamen, war der Zugang zum Meer zum großen Teil verbaut.

El escritor, der das Meer aus tiefen Gründen liebte, saß in seinem Korbstuhl. Er hatte wieder Kopfschmerzen gehabt. Und während er ins Maßlose und Ewige sah, in dem er sich auflösen wollte, erschien plötzlich eine menschliche Gestalt. So jedenfalls malte ich mir die Szene Jahre später aus, als ich in Schuluniform in Buenos Aires im Schulbus saß und die Einfamilienhäuser an mir vorüberziehen ließ. Ich weiß nicht einmal, ob er mich tatsächlich beobachtet hat. Ich weiß nicht, ob er Annabels Gestalt gegen die Sonne gesehen hatte, meine Gestalt.

Ich hatte lange keine Lust, an all das zurückzudenken. Aber seitdem ich darüber nachdenke, ob ich vielleicht eine Therapie machen soll, durchblättere ich manchmal meine blassen Erinnerungen. Es wäre mir unangenehm, wenn ich nichts von meiner Kindheit erzählen könnte. Ich weiß nicht, ob mein Verlangen damals geboren wurde. Ich weiß nicht, ob damals etwas zum ersten Mal hervorgetreten war, was immer schon in mir geschlummert hatte. Aber ich weiß, dass die vorgestellten Augen des Schriftstellers, der vorgestellte Blick auf meine Gestalt (Annabel), mit der einzigen Entscheidung meines Lebens verbunden ist, die ich selbst getroffen habe. Davon werde ich später erzählen.

Erinnern wir uns am Ende nur noch an die Fotografien unser Kindheit, die wir immer wieder betrachten, und nicht mehr an unsere Erlebnisse? Was bedeutet es, in der Erinnerung einer anderen Person zu erscheinen? Es hieß, dass el escritor in Paris in einer Klink gewesen war. Ich wusste nicht, ob der Schriftsteller mich an jenem sonnendurchschossenen Oktobertag beobachtete. Ob er mich sah, wie ich von links her in sein Blickfeld trat.

3

Mit meinen Freundinnen Tina, Anne, Saskia und Miriam streiften wir am Wochenende manchmal durch das Barrio Gótico. Im Barrio Gótico gab es ein besonderes Licht. Man traf sich auf der Plaza Catalunia, ging dann zwischen den Touristen die Ramblas herunter und vermied es, Deutsch zu sprechen. Es gab viele kleine Gassen, die in das Barrio Gótico führten, und je nachdem, wohin man wollte, nahm man die eine oder die andere. Wir tauchten in das Barrio Gótico ein, wie in einen Traum. Hier herrschte eine andere Zeit. Es war wunderbar staubig. Man konnte die Lichtstrahlen sehen, wie sie in die engen Gassen hineinfielen. Dann und wann waren kleine Bögen über die engen Gassen gebaut. Sie sahen aus wie gemalt. Wir gingen von einem Laden zum nächsten und betrachteten Schmuck und Kleider. Wir waren damals mit 13 noch sehr schüchtern und es war immer eine kleine Mutprobe, in einen Laden hinein zu gehen. Auf der Straße probierten wir Schmuck an und setzten uns zu den Straßenverkäufern. Wir sprachen mit ihnen über Weltreisen.

Manchmal trafen wir uns an der Plaza Cataluna mitten auf dem Sternmosaik. Wir standen wie auf einer Bühne. Wir konnten von allen Seiten betrachtet werden. Einmal stellte ich mir vor, wie der escritor im Schatten unter den dunklen ausladenden Ästen saß und in einem Notizbuch schrieb. Er war hierher gekommen, um dem Bekannten zu entkommen. Er wollte Entspannung finden im Fremden. Er wollte seine Albträume hinter sich lassen und sich treiben lassen im Einfachen und Anspruchslosen. Nun sah er auf und erblickte mich, wie ich einer imaginären Freundin zuwinkte. Dann erschien Anne hinter den Bänken, und ich war ganz Annabel, als ich mit meiner Hand ungeschickt und zärtlich in der Luft herumrührte.

Ich sehe mich Anne küssen: Ich, Annabel, das Nymphchen. Ich denke daran zurück. Damals verstand ich wenig von der Welt der Erwachsenen, und alles, was ich spürte, war das unbeholfenes Verlangen, verlangt zu werden. Die eigene Vergangenheit ist ja immer nur aus einem Jetzt zu erinnern, und wenn ich mich heute als Annabel sehe, dann ist dieser Blick angereichert mit mancherlei Einblicken, die ich damals unmöglich haben konnte.

Ich wusste damals nicht, dass Beatrice, in die Dante sinnlos verliebt war, nicht älter als neun Jahre war. (Er lernte sie um 1274 bei einem privaten Fest kennen und legte später dem Kinde die comidia divina zu Füssen.) Ich wusste damals nicht, dass Laura, in die sich Petrarca verliebte, ein Jahr jünger war als ich, als ich mich mit meiner Schwester auf der Betonmauer vor das MACBA setzte. („Laura“, schreibt Petraca, „erschien meinen Augen zum ersten Mal in meiner ersten Jünglingszeit, im Jahre des Herrn 1327, am sechsten Tag des Monats April, in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon [...]. Und in derselben Stadt, im gleichen Monat April, auch am sechsten Tag, zur gleichen Stunde, jedoch im Jahr 1348, ist dem Licht dieser Welt jenes Licht entzogen worden.“)

Was macht der Unterschied aus zwischen einem gewöhnlichen Kind, rein und verletzlich, und jenen Gestalten, die halb der Phantasie entstammen? Wenn ich heute daran zurückdenke, sehe ich mich durch seine Augen.

Es gab in der Altstadt viele kleine Plätze mit vielen Cafés, die ihre Klappstühle und ihre schwarzen oder grünen gusseisernen Tische auf die Plazas stellten. In der Mitte der Plaza stehen ausladende Ulmen, die dem Ort Schatten und Kühle spenden. Ich bewege mich wie im Traum durch die kleinen verwinkelten Gässchen, mit den uralten Häusern. Es gibt eine Plaza, die heißt Plaza del Pi. Auf der Plaza del Pi war im 17. Jahrhundert ein Mord aus Eifersucht geschehen. Ein Ehemann erdolchte seine Frau und ihren Geliebten und verschonte auch nicht seine gemeinsame Tochter. Die Tochter hieß Anna und war neun. Auf diesem Platz hat er mich gesehen, das aber kam so: Es war Wochenende. Wir sind mit meinen Eltern und meiner Schwester in das Museum MACBA gefahren. Das war das Museum für moderne Kunst. Das MACBA ist ein weißer großzügiger Bau mit einer großen Plaza davor, dem Platz der Engel. Im Museum hatten sich meine Schwester und meine Mutter die ganze Zeit gestritten. Nach dem Museumsbesuch, bei dem sich meine Schwester (die damals 9 war), die ganze Zeit mit meiner Mutter gestritten hatte, standen wir vor dem Museum. Meine Mutter wollte für meine Schwester, die am 12. Juli geboren ist, ein Geschenk abholen. Wir sollten uns auf die Betonmauer setzen, und sie und Papi wollten das Geschenk holen, das irgendwo bestellt war. Es musste nur noch abgeholt werden. Hinter uns glitzerte die Glasfassade. Meine Schwester Anna und ich saßen auf der Betonmauer und ließen die Beine baumeln. Ich trug schwarze Lackschühchen, weiße Kniestrümpfe und ein weißes Blüschen. Es war mir ein wenig peinlich, dass ich mit meiner Schwester auf der Betonmauer saß. Sie war noch ein Kind und ganz unempfänglich für die Blicke des anderen Geschlechts.

Dann erschien meine Mutter ohne meinen Vater. Wir tauchten ein in die Lichtstrahlen der Altstadt. Auf dem Platz hatte ich mir vorgestellt, wie er, ein Buch in der Hand, unter den Bäumen entlanggeht. Nun aber passierte es wirklich. Ich spürte, wie er hinter mir herging. Ich spürte, wie mich seine Blicke berührten. Ich spürte es, wusste, dass er hinter mir ging, und doch zitterte ich buchstäblich um seine Realität. Ich sah mich um im Schwindel. Ich vermied seinen Blick, sah an ihm vorbei. War es Schwäche oder Berechnung, die meine Füße schwerer werden ließ? Jedenfalls blieb ich zurück. Weit genug zurück, damit ich mich umsehen konnte, ohne dass meine Mutter es merkte. Aber auch er verlangsamte seinen Gang, um uns nicht zu überholen und den Abstand von ihm und mir immer gleich zu halten. Manchmal blieb er stehen und betrachtete scheinbar beiläufig die Auslage eines Schaufensters oder erkundigte sich nach dem Preis eines Silberschälchens. In all dieser gespielten Gleichmütigkeit lag eine Atemlosigkeit, die ich spürte, und die von ihm herüberwuchs und zu meiner wurde. Ich dreht wohl ein paar Mal den Kopf: Finten des Umsehens. Es machte mir Spaß, Gründe für ein Sich-Umdrehen zu finden. Mit großer Ernsthaftigkeit und gespieltem Erstaunen erkannte ich scheinbar jemanden und sagte dann zu mir „Ach, doch nicht.“ Meine Mutter bezichtigte mich des Trödelns und griff nach meiner Hand. Ich spielte die Übermütige und sah mich um, und da geschah es, dass unsere Augen sich trafen und sein Blick erwidert wurde. Unsere Blicke trafen sich für einen Wimpernschlag. Es war tatsächlich wahr! Mein ganzer Körper überhitzte sich, und die Anmut, die ich zu verkörpern hatte, war ein sehr zerbrechliches Ding. Auch hätte ich mir mehr Zartheit und Bleichheit gewünscht. Ich hätte es schön gefunden, wenn er zu sich gesagt hätte: Sie wird wahrscheinlich nicht alt werden. Meine Mutter hatte nun an einem Stand katalanische Backbücher entdeckt und begann in ihnen zu blättern. Ich tat, als wenn ich nicht merken würde, dass sie stehen geblieben war, und ging weiter. Es war mein Körper, Annabels Körper, der in nachtwandlerischer Sicherheit in eine kleine Seitengasse abbog. Nicht ohne sich vorher umgesehen und vergewissert zu haben, dass er sah, wohin das Objekt der Begierde zu entschwinden drohte. Die ganze Hitze war von mir abgefallen. Ich ging mit der Heiterkeit einer Maschine. Die Begeisterung seines Blutes wurde aus einem kalten Spiegel zurückgeworfen, und ich erinnere mich noch, wie ich dachte: Das ist es. Das ist es, was du gewollt hast: Nicht die Hoffende zu sein, sondern ganz Hoffnung.

Es war eine Verwirrspiel, eine Einladung, das Ding, das ich war, zu verfolgen. Ich verschwand in einer Gasse und versteckte mich im ersten besten Laden. Ich versteckte mich so, dass er mich finden konnte. Das spielten wir einige Male. Fand er mich zu schnell, ärgerte ich mich über meine Nachgiebigkeit. Versteckte ich mich zu gut, hatte ich Angst, dass er mich ganz verfehlen könnte. Es ist nun aber eins, das sehnlich verfolgte Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und ein ganz anderes, das sich ständig entziehende Vexierbild selbst zu bedeuten. Ich war eine Spieglung und Fata Morgana. Eins ist es, darum zu bangen, ob der Verfolgte entschwindet. Ein anderes, die doppelte Angst zu spüren, dass das Band zwischen Jäger und Gejagtem abreißen könnte, und stärker noch die Angst, dass dieses Band einfach seine Kraft verliert. War die Entfernung zu groß, konnte ich ihm verloren gehen, war die Entfernung zu nah, drohte Entzauberung. Denn Sehnsucht ist bekanntlich ein Erzeugnis mangelnder Erkenntnis.

Nach einer kleinen Verfolgungsjagd durch kleine kühle Gassen, an Händlern vorbei und buntem Krimskrams, fanden wir uns dort wieder ein, wo meine Mutter gerade das Wechselgeld entgegen nahm und zwei Kochbücher glücklich in ihr Einkaufsnetz versenkte.