Ich habe nie behauptet, Kunstwerke zu schaffen

Cahrine Claudel: Interview mit Lara X. Schiffer, Roter Salon, Volksbühne, 30.07.2007, übersetzt aus dem Engslischen von Sophia Nabokov

Cathrine Claudel: Sie sind 23 Jahre alt und machen nun ihre erste Ausstellung in der GdK in Berlin Mitte. Sind sie stolz?

Lara X. Schiffer: Ich weiß nicht. Kann man denn stolz auf etwas sein, was man nicht selbst bestimmt? Ich entwerfe ja nichts. Aber ich freue mich natürlich, dass da Dinge geschehen.

CC: Und was tun Sie?

LXS: Ich stelle mich Künstlern für ihre Arbeit zur Verfügung. Ich stehe für sie Modell. Sie können mich inszenieren und mir sagen, was ich tun soll. Wenn sie es noch nicht wissen, noch keine klare Vorstellung haben, sehe ich mir Bilder von ihnen an, Werke, die sie gemacht haben. Und dann versuche ich zu spüren, was sie wollen oder was sie gebrauchen können. Dann bereite ich etwas vor. Das können die Künstler dann fotografieren oder malen oder modellieren.

CC: Verstehen Sie sich als Performancekünstlerin?

LXS: Eher nicht. Ich mache das, was man von mir verlangt oder was ich meine, was man von mir erwartet.

CC: Wie verstehen Sie sich?

LXS: Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche mich zu verstehen oder gewisse Mechanismen. Vielleicht hilft mir ja das Projekt dabei.

CC: Eine Ausstellung, die sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit in dem Atelier einer Freundin aufgebaut haben, trug den Titel "This ist not Art, this is Therapy".

LXS: Ja.

CC: Ist das immer noch ihre Position?

LXS: Ist das denn eine Position? Ich meine ja gar nicht, dass Therapie Kunst sei. Was heißt denn Therapie? Es heißt, dass irgendwie etwas persönlich oder privat ist und ein Prozess stattfindet. Von der Krankheit zur Gesundheit oder so. Da gibt es so eine Art Notwendigkeit, eine Transformation. Das macht es aber nicht zu Kunst, obwohl natürlich Kunst etwas wie ein Prozess sein kann. Zunächst muss es da eine Relevanz geben. Aber zu Kunst wird es ja erst durch eine Setzung. Dafür braucht man eine Position.

CC. Aber Sie haben doch eine Position.

LXS: Wenn Sie es sagen. Aber man darf jetzt nicht verwechseln, ob jemand Positionen nachvollziehen kann oder ob jemand eine Setzung vollzieht und sagt: Das ist es.

CC: Wir hatten von Relevanz gesprochen.

LXS: Ja, wir hatten über Relevanz gesprochen. Wenn nun etwas privat ist, wie etwa meine Unfähigkeit, eine eigene Position zu haben, dann muss man sich fragen, ob das eine Relevanz hat. Und das könnte ich mir schon vorstellen.

CC: Weil viele keine eigene Position haben?

LXS: Ja, woher soll die auch kommen?

CC: Aber im Unterschied zu den meisten, wissen Sie es.

LXS: Ich kann Dinge nachvollziehen. Ich kann mich auch in sie hineindenken. Ich kann das dann auch wiederholen. Aber wenn das dann nicht gewünscht ist, ist das auch schwer. Ich merke nun ja, dass Sie sich wünschen, dass ich eine Position habe und sage, ich mache das und das. Ich habe aber keine eigene Position. Ich habe eine Art Vision. Das ist auch eine komische Situation und irgendwie paradox, ich weiß nicht.

CC: Also noch mal: Im Unterschied zu anderen wissen Sie, dass sie keine Position haben?

LXS: Das weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass ich zum Beispiel große Angst davor habe, jemandem nicht zu gefallen. Das ist wie ein Reflex bei mir. Ich habe mir zum Beispiel vor diesem Interview vorgenommen, nichts zu erklären, aber mach es trotzdem, weil ich merke, dass Sie es so haben wollen.

CC: Was ist daran interessant?

LXS: An mir ist vielleicht nicht sehr viel interessant. Aber der Mechanismus ist interessant. Wie kann jemand wie ich, der immer nur tut, was andere wollen, die Welt mitgestalten? Oder muss man die Welt gerade vor Personen wie mir bewahren? Oder sind wir, die Nicht-Autoren, sowieso schon die Gestalter, weil wir die Konsumenten sind und sich am Ende alles an uns und unserer Uninteressantheit ausrichtet?

CC: Und was ist die Transformation?

LXS: Was?

CC: Sie hatten gesagt, dass Therapie persönlich ist und ein Prozess, also eine persönliche Transformation.

LXS: Also nicht vom Nicht-Autor zum Autor. Womöglich eher so etwas wie vom Nicht-Autor, der meint ein Autor zu sein, zum Nicht-Autor, der sieht, dass er ein Nicht-Autor ist, und die Frage nach der Autorenschaft vielleicht stellt. Und das ist schwer genug. Ich bin ein bisschen stolz, dass ich mich heute das getraut habe, ein bisschen. Sie fordern ja ein, dass ich eine Position habe, und möchten, dass ich sage: So und so sehe ich es, aber ich bin dabei geblieben, dass ich einfach gar keine Position habe. Und das war auch schon schwierig genug, weil ich ja immer gespürt habe, dass man von mir verlangt, dass ich eine Position beziehe. Das sagen mir ja alle. Am besten eine kritische Position.

CC: Was ist denn eine kritische Position?

LXS: Ich weiß nicht. Vielleicht ist das so eine Art Pleonasmus. Heißt das so? Also so eine Art weißer Schimmel.

CC: Weil man das einfordert.

LXS: Na ja, weil eine Position immer eine eigene Position sein soll und dann muss man sich doch abheben und nicht gleich sein. Und das heißt dann kritisch. Das ist dann ein bisschen so, als wenn man sagt: Sei spontan!

CC: Paradox.

LXS: Irgendwie schon. Du musst eine eigene Meinung haben. Und dann hat man halt eine eigene Meinung, wenn denn das verlangt ist. Und darum bin ich eben stolz auf mich, dass ich den Mut habe, zu sagen, dass ich gar keine Position habe.

CC: Würden Sie sagen, dass das keine Frage der Intelligenz ist.

LXS: Keine Frage.

CC: Sind sie Künstlerin?

LXS: Eher nicht, nein. Aber es stellt sich natürlich sofort die Frage, was ein Künstler ist. Für mich ist ein Künstler jemand, der eine Setzung vollzieht. Das ist mir irgendwie nicht gegeben. Bei mir ist die Fremdwahrnehmung sehr stark, ich spüre sehr genau, wie mich jemand anderes sieht und was er von mir denkt. Ich fühle in mir kein Inneres, das autark ist und unbestechlich. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt zu gefallen. Ich habe keinen unbestechlichen Kern. Der Künstler ist jemand, der für den Bürger eine besondere Freiheit verkörpert, die er selbst nicht hat und die der Künstler auch nicht hat, weil er damit beschäftigt ist, dieses Bild zu erfüllen. Ich kann aber noch nicht einmal diese Freiheit verkörpern. Das ist aber auch kein Gedanke von mir, sondern von einem Freund von mir. Aber er leuchtet mir irgendwie ein.

CC: Aber sie kuratieren ja die Arbeiten von den Künstlern, die mit Ihrer Hilfe entstehen.

LXS: Ja, ich suche sie aus. Aber kuratieren würde ja heißen, dass ich bessere Kunst von schlechterer unterscheide. Das interessiert mich nicht so. Das könnte ich auch gar nicht. Mich interessiert da eher, etwas herauszufinden. Man kann es aber auch anders sehen als eine Art Obsession.

CC: Was wäre Ihr Traum?

LXS: So wie ich bin, Teil eines Prozesses zu sein, an dem auch Künstler beteiligt sind.

CC: Sie sind sozusagen eine Gruppe, ein Kollektiv?

LXS: (lacht): Ja, so könnte man vielleicht sagen.

CC: Sind sie talentiert?

LXS: Nein, ich glaube nicht.

CC: Es gibt von Ihnen eine Arbeit, die heißt: The Artist as a Puppet.

LXS: Ja.

CC: Ist das eine Aussage über sie persönlich?

LXS: Ja.

CC: Oder ist das eine Aussage über den Künstler im heutigen Kunstsystem?

LXS: Ja. Auch.

CC: Ist das die Relevanz von der Sie sprechen.

LXS: Vielleicht.

(Stille)

LXS: Aber ich denke eben noch über etwas anderes nach. Sie haben mich nach meinem Traum gefragt. Und ich habe gesagt, dass ich Teil eines Prozesses werden möchte. Das ist aber nur die eine Seite, die lichte. Es war eine sehr rationale und politisch korrekte Antwort, die ich ihnen da gegeben habe. Und es gibt eine andere, abgründige Seite in mir. Ein Verlagen, eine Obsession. Ich möchte ganz zum Bild werden. Ich möchte den Künstler finden, in dessen Bildern ich erscheinen möchte. Ich bin auf der Suche nach dem einen Bild, in dem ich ganz aufgehoben bin.